In Frankfurt-Niederursel wurde ein zweites Projekt von Martin Elsässer restauriert / Die Stadt hat damit ein weiteres wichtiges Baudenkmal zurückbekommen

In Frankfurt-Niederursel wurde ein zweites Projekt von Martin Elsässer restauriert / Die Stadt hat damit ein weiteres wichtiges Baudenkmal zurückbekommen

Dass Martin Elsässer, der Architekt der Frankfurter Großmarkthalle war, ist bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass er im Stadtteil Nieder-Eschbach auch eine kleine Kirche gebaut hat, die ein besonderes Schmuckstück war. In den 1950er Jahren wurde die Kirche, die für die schwedische Liturgie gestaltet war, von der Gemeinde regelrecht verunstaltet. Jetzt, nach 61 Jahren, hat sie in einer umfangreichen Restauration wieder ihre alte Gestalt erhalten.

 Die Restaurierung der Gustav Adolf Kirche

Von Architekt DW Dreysse  

Frankfurt am Main Architekt DW Dreysse

Frankfurt am Main Architekt DW Dreysse

 Seit ihrer Errichtung im Jahre 1928 durch Martin Elsässer wurde die Kirche in ihrem  Innern in den Jahren 1959 und 1984 verändert. Dabei wurden die 56 identischen Originalfenster mit Klarglas und roten Holzrahmen durch Buntgasfenster mit Metallrahmen ausgetauscht. Diese Fenster hatte die Künstlerin Marianne Scherer-Neufahrt gestaltet. Das neue Fensterglas mit seinen überwiegend rot-orangenen Tönen tauchte den Kirchenraum in ein entsprechendes Licht und veränderte die von Elsässer gewollte Farbkomposition komplett. Daher konnte die Restaurierung nur durch die Wiederherstellung der originalen Fenster erfolgen. Klarglasfenster waren auch zur Bauzeit der Kirche im Jahr 1928 ungewöhnlich, was wohl auch in den 1950er Jahren noch galt. Die Buntglasfenster wurden nach dem Austausch durch Weißglasfenster nicht vernichtet, sondern wurden, als Kompromiss, sorgfältig ausgebaut und eingelagert.

Elsässers Kirchenraum wurde weitestgehend verunstaltet  

Gustav-Adolf-Kirche vor der Restaurierung

Gustav-Adolf-Kirche vor der Restaurierung Foto: Wygoda

Zusammen mit den Buntglasfenstern wurde auch das von Elsässer entwickelte farbliche Gesamtkonzept des Kircheninnenraumes mit seiner Farbgebung an den Wänden und Decken verändert. Das galt auch für den Altarraum, dessen Schranken zur Gemeinde abgebaut wurden. Als neues Beleuchtungskonzept wurden Pendelleuchten aufgehängt. Noch im Jahr 2003 wurden die bis dahin original erhaltenen, von Martin Elsässer entworfenen, Kirchenstühle aus der Kirche entfernt. Alle diese Veränderungen haben den von Elsässer intendierte Zusammenhang zwischen Sinn, Räumlichkeit und Oberfläche total beseitigt. Der Kirchenraum wurde, so muss man es benennen, in seiner Gestalt und Wirkung weitestgehend verunstaltet.

 

Die Restaurierung musste ohne Unterlagen, nur nach Befundstellen ausgeführt werden erfolgen   

Gustav-Adolf-Kirche_mit der Befunstelle in der Kuppel

Gustav-Adolf-Kirche_mit der Befunstelle in der Kuppel

Mit der Erarbeitung eines Sanierungskonzepts seit dem Jahr 2009 war der Wunsch verknüpft, den Kirchenraum in seinem ursprünglichen, architektonisch wie liturgisch korrekten und bedeutsamen Erscheinungsbild wieder herzustellen. Daraus entstand ein ambitioniertes Projekt, weil erstens die erfolgten Veränderungen sehr tiefgreifend waren und weil zweitens fast keine Dokumente über den Urzustand der Gustav-Adolf- Kirche existieren. Außer wenigen unscharfen Schwarzweiß-Fotos gibt es nur vereinzelte dazu noch ungenaue schriftliche Berichte. Das bedeutete, dass sich die Restaurierung nicht auf zuverlässigen Baupläne oder Baubeschreibungen stützen konnte. Der Restaurator Thorsten Moser wurde beauftragt, die ursprüngliche Farbgebung und Oberflächengestaltung in der Kirche zu ermitteln. Er legte an vielen Stellen im Kirchenraum, den so genannten Befundstellen, mit dem Skalpell die ehemaligen Farbschichten frei. Das Ergebnis dieser Recherche überraschte alle Beteiligten. Es stellte sich heraus, dass im Originalzustand die Wände weiß waren und der Himmel rot gestrichen war.

Die rote Kirchenkuppel markiert den göttlichen Himmel

Damit wurde deutlich, dass Martin Elssser sich nicht nur, was die Raumkonzeption anging, am frühchristlichen Kirchenbau orientiert hatte, sondern auch an dessen Farbwelt. Runde oder achteckige Zentralbauten existierten in der Frühzeit neben der lang gezogenen Basilika. Und insbesondere im östlichen Rom, in Byzanz, waren die Kirchenkuppeln in Rot gehalten. Sie markierten den göttlichen Himmel – im Gegensatz zum Blau des irdischen Himmels. So ist auch in Niederursel die „Kuppel“ rot gestrichen. Die rau verputzten Wände sind weiß, mit einem Hauch rosa versehen. Und in den verschiedenen Nischen – im Eingang, unter dem Turm, auf der Empore und in der Taufkapelle – findet man blaue, rote und violette Töne. Die Fensterrahmen und Schallgitter der Orgel sind feuerrot mit blauen Streifen. Die Bänke und Stühle sind schwarz, der Fußboden ist umbrafarben. Diese Farben kontrastieren mit diversen Betonflächen, die mit ihrer Textur und Farbigkeit eher an Naturstein erinnern. Dazu gehören die blauen und violetten Nischen der wie Naturstein behandelte Sichtbeton und eine farbige Altar-Kanzelskupltur.

Start der Restaurierung der künstlerischen Einheit mit einer Musterachse   

Kanzel der Restaurierten Gustav-Adolf-Kirche Foto: Wygoda

Kanzel der Restaurierten Gustav-Adolf-Kirche Foto: Wygoda

2012 wurde beschlossen, zunächst ein Achtel des Innenraums als „Musterachse“ mit den Originalfarben und dem gereinigten Sichtbeton anzulegen. Dies deckte weitere wichtige Details auf: Eine indirekte Beleuchtung mit Soffittenlampen, die auf dem umlaufenden Deckenfries unsichtbar installiert waren. Der Altarraum hatte eine künstlerische Gesamtgestaltung in glattem Sichtbeton, mit Altarschranken sowie Wandgemälden und –Inschriften auf dem Sichtbeton sowie eine stark farbige Taufkapelle. Der Altarraum war als formale, künstlerische Einheit gestaltet worden, mit der Rückwand, der Kanzel, dem Altarblock, dem Fußboden, den Stufen und den beiden „Schranken“ rechts und links., Diese liturgische Einheit verwies auch auf den neu gewählten Namen der Kirche, Gustav Adolf. Die Gemeinde hatte sich für die schwedische Liturgie entschieden, in der die Schranken an dem Altar vorgesehen sind. Diese Einheit wurde auch durch den grauen, glatt geschliffenen Sichtbeton unterstrichen, der im Zuge der früheren Renovierungen ebenfalls mit einer braunen Dispersionsfarbe übermalt worden war.

Gemeinde sprach sich für die denkmalgerechte Restaurierung aus  

Gustav-Adolf-Kirche Kircheninneraum

Gustav-Adolf-Kirche Kircheninnenraum  Foto: Wygoda

Nachdem die Musterachse auch bei den Gemeindemitgliedern auf breite Zustimmung gestoßen war, konnte eine schrittweise, denkmalgerechte Restaurierung, die dem Denkmal seine ursprüngliche Gestaltung zurückgeben sollte, von Januar bis Dezember 2016 angegangen werden. Auch das Äußere der Kirche und die sie umgebenden Freiflächen sollten in sie Restaurierung  einbezogen werden. Beim Entfernen von Einbauten und Übermalungen stellte sich heraus, dass ursprünglich auch einzelne Teile der Oberflächen farbig lasiert gewesen waren.  Auf den beiden Seitenwänden des Altars waren farbige Gemälde aufgetragen, links vom Altar ein Kruzifix, rechts eine Friedenstaube sowie an beiden Seiten Schriftzüge: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben“ und „Siehe ich bin bei Euch bis an der Welt Ende“. Beim Freilegen dieser Gemälde musste differenziert und sehr vorsichtig vorgegangen werden. Der überwiegende Teil der Flächen konnte mit einer leichten Lauge abgewaschen werden. Die pastös gemalten Figuren und eingelassenen Buchstaben hingegen wurden Stück für Stück mit dem Skalpell freigelegt. Bis heute ist unbekannt, wer der Künstler oder die Künstlerin dieser Malereien gewesen ist.

Bodenbelag war noch original vorhanden

Die Taufkapelle Foto: Wygoda

Die Taufkapelle Foto: Wygoda

Eine weitere Überraschung hielt der Fußbodenbelag bereit: Aufgrund der überlieferten, unscharfen Fotos von 1930 wurde angenommen, dass der Fußbodenbelag aus einem dunklen, umbrafarbenen Linoleum bestand, wie er auf der Empore noch heute vorhanden ist. Nachdem jedoch die Holzstufen am Altar im Februar abgebrochen waren, stellte sich an den verbliebenen Spuren überraschenderweise  heraus, dass die vorhandenen Korkplatten der Originalbelag von 1928 sind. Durch Laboruntersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass er dunkelfarbig verkrustet und gewachst war. Die Oberschicht von knapp einem  Millimeter Stärke wurde abgeschliffen, wodurch die Korkstruktur und –farbe hervortrat, was bis zu dieser Entdeckung als untypisch für Martin Elsässer galt.

Mit der Restaurierung der Gustav-Adolf-Kirche gelang es trotz fehlender Unterlagen das ursprüngliche Aussehen des Innenraumes weitgehend so wieder herzustellen wie es von Martin Elsässer geplant war. Frankfurt hat damit ein wichtiges Baudenkmal zurückbekommen, das  Aufmerksamkeit auch über die Stadtgrenzen hinaus auf Aufsehen stoßen wird.